„Russische Bettlerin II“ (Bronze,1932), Foto: Alexander Klaus
© Archiv Ernst Barlach Stiftung Güstrow

Russische Bettlerin II
1932, Guss 1938 | Bronze

Mit dem 1932 entstandenen Werk Russische Bettlerin II (1932) greift Ernst Barlach (1870-1938) einen wichtigen Motivkreis innerhalb seines Oeuvres nochmalig auf. Der Ursprung dessen bildet seine Russlandreise 1906. Diese ist besonders wichtig für die Biografie Barlachs, da sie als ästhetischer und thematischer Neubeginn seiner Kunst gesehen wurde und wird.
„Alles, was ich gemacht habe, eh ich sechsunddreißig war, kann ich leichten Herzens verabschieden“ (Ernst Barlach, Dez. 1919 Friedrich Schult: Barlach im Gespräch, mit ergänzenden Aufzeichnungen des Verfassers, hg. von Elmar Jansen, Leipzig 1989, S. 14)
Aus einer Identitätskrise heraus reiste Barlach 1906, auf Einladung seines Bruders Hans (1871-1953), welcher zu dieser Zeit beruflich in Russland lebte, zusammen mit seinem Bruder Nikolaus (1872-1925), nach Süd-Russland. Dort füllte er seine Taschenbücher mit vielen Skizzen, welche seine ersten Eindrücke des russischen Lebens einfangen. Die Armut der Bettler, die Landschaft, Bildnisse von Arbeitern aus der Region dienen noch viele Jahre später Barlach als Inspiration für seine Werke. Auch die Russische Bettlerin I welche bereits 1907 entsteht fängt all die Eindrücke ein. Die Russische Bettlerin II ist eine abweichende Fassung des gleichen Motivs. Der neue expressionistische Stil Barlachs ist deutlich zu erkennen. Die Körperhaltung und der Mantel der Bettlerin, welcher eine detaillierte Darstellung des Körpers überflüssig werden lässt, führen zu einer beinahe abstrakt anmutenden Darstellung des Körpers. Der Kopf ist weit gesenkt, sodass das Gesicht unkenntlich bleibt. Eine gewisse Anonymität, aber auch die Verzweiflung und Kraftlosigkeit wird für den Betrachter übermittelt. Die Aufmerksamkeit hingegen wird auf die geöffnete Hand gelenkt. Sie ist als einziges Element reell detailliert dargestellt und steht somit im Fokus. Im Gegensatz zu dem kraftlosen Körper kann die Gestik und Ausführung der Hand auch für Kampfeswille stehen.                               
Text: Nele Bösel

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„Lachende Alte“ (Holz, 1937), Foto: Andre Hamann © Archiv Ernst Barlach Stiftung Güstrow
„Lachende Alte“ (Holz, 1937), Foto: Andre Hamann © Archiv Ernst Barlach Stiftung Güstrow

Lachende Alte
1937 | Holz (Nussbaum) | großes Atelier

Die bekannte Skulptur „Lachende Alte“ ist eines der Werke Ernst Barlachs (1870–1938), die dem Betrachter besonders expressiv eine intensive und positive Gefühlsregung vorführt. 1937 wurde die „Lachende Alte“ zusammen mit der „Frierenden Alten“ als Paar konzipiert. Gemeinsam sollen diese Werke den Gegensatz von Offen- und Geschlossenheit im gesellschaftlichen Kontext darstellen. Auch in der aktuellen Barlach-Ausstellung im Atelierhaus können Sie einen Blick auf beide Werke werfen.
Auffallend sind beide Arbeiten in der Ausstellung durch ihre Verarbeitung aus Holz. Obwohl Barlachs bekannteste Arbeiten seine Holzskulpturen sind, widmet er sich erst ab 1907 dem ursprünglichsten Material der Bildhauerkunst. Holz spielte zu Beginn des 19. Jahrhunderts nur noch eine untergeordnete Rolle in der Bildhauerei. Bronze, Marmor und Stein waren die bevorzugten Arbeitsmaterialien. Als sich Barlach dem Material annäherte, musste er trotz seiner langjährigen Bildhauererfahrung alles neu erlernen.
„[…] ich wusste von nichts und fuhr mir zunächst mit einem flotten Stich tief in die Hand.“ (E.B. an Arthur Eloesser am 1.10.1932, in: Briefe II, Nr. 999, S. 323)
Zunächst entstanden neue Fassungen von bereits älteren Gipsmodellen. Er erlangte in der Holzbildhauerei zunehmend Virtuosität. Die Besonderheit dieser Werke besteht in ihrem singulären Charakter. Anders als Bronzen und Gipse haben sie einen einzigartigen Wert.
Text: Nele Bösel

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